Zur Berichterstattung über die Erdbebenkatastrophe in Japan

Die Erdbebenkatastrophe und der dadurch ausgelöste Tsunami vom 13. März 2011 in Japan sowie die durch Erdbeben und Tsunami ausgelöste initiale Atomreaktorkatastrophe in Fukushima liegen mittlerweile gut zwei Monate zurück. In den Tagen nach dem Erdbeben konzentrierte sich die internationale Berichterstattung zu großen Teilen auf die Vorgänge in Fukushima und blendete die anderen, gleichermaßen betroffenen Katastrophenregionen oft vollständig aus. Insbesondere die deutsche Berichterstattung hat sich hier stellenweise keinstenfalls mit Ruhm bekleckert.

Neben Schilderungen einer nuklearen Apokalypse in Fernost („Kann es zu einer nuklearen Explosion kommen?„, sueddeutsche.de, 15.03.), meist gefolgt von den schon fast ritualhaft exerzierten Vergleichen mit der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl („Fukushima sprengt die Dimension von Tschernobyl„, Spiegel Online, 31.03.), glänzte die deutsche Presse auch mit vollkommen unangebrachten Vergleichen der in Fukushima tätigen Techniker mit den kamikaze-Fliegerpiloten aus dem ultranationalistischen Japan des Zweiten Weltkrieges („20 Kamikaze gegen die Höllenmaschine Fukushima„, Welt Online, 17.03.). Einige der etwas gemäßigteren Schreiblinge versuchten indes, die Reaktionen der japanischen Bevölkerung auf die Erdbeben-, Tsunami- und Reaktorkrise auf ein wie auch immer geartetes japanisches Nationalgefühl zu reduzieren (siehe u.a. „Warum Japaner anders trauern„, Spiegel Online, 23.04.). Die Dringlichkeit, einen entsprechenden Artikel zu produzieren, trieb eine Journalistin eines deutschen Nachrichtenmagazins dazu, mitten in der Nacht bei dem japanischen Philosophen Kenichi Mishima anzurufen und diesen um eine Stellungnahme zur Katastrophe zu bitten. Als dieser sie auf die Uhrzeit hinwies, lies sie ihm eine Email mit Fragen zukommen, die -um die Wirkung nicht zu verfälschen- hier auszugsweise und wörtlich wiedergegeben werden soll:

Warum bleiben die Japaner in Japan? (…) Haben Sie für diese, uns sehr überraschende Tatsache eine Erklärung? Warum bleiben die Japaner ruhig und in Japan?“ (Frivole Ignoranz„, Zeit Online, 24.03.)

Wer einer Branche angehört, die u.a. durch Forderungen nach einem Leistungsschutzrecht ein besonders hohes, ergo schützenswertes Qualitätsniveau für ihre eigenen Erzeugnisse postuliert, sollte auch in der Lage sein, Berichterstattung von schützenswert hoher Qualität zu produzieren. Hätte die Journalistin ihre Fragen vor dem Abschicken noch einmal aufmerksam durchgelesen, wäre ihr vielleicht in den Sinn gekommen, dass es 1) logistisch unmöglich ist, mal eben ein komplettes Land mit 120 Millionen Einwohnern zu evakuieren, dass 2) diese 120 Millionen Einwohner nicht von einem Tag auf den anderen ihre mühsam aufgebauten Existenzen und Besitztümer zurücklassen würden und dass sie 3) mit der Aussage, dass die Japaner angesichts der Katastrophe ruhig bleiben würden, etwas behauptet, von dem sie höchstwahrscheinlich gar nicht weiß, ob es tatsächlich stimmt. Dieser und andere Exotisierungsversuche wurden glücklicherweise nicht nur auf japanologischen Mailinglisten kontrovers diskutiert, sondern fanden auch innerhalb der deutschen Presse kritische Betrachtung (siehe obiger Zeit-Artikel).

Weitere traurige Höhepunkte der Berichterstattung über Fukushima stellen ein im heute-Journal des ZDF gesendetes „Katastrophenmusikvideo“ sowie die Berichterstattung des ARD-Korrespondenten Robert Hetkämper, der dem AKW-Betreiber TEPCO unterstellte, Obdachlose, Zeitarbeiter und Minderjährige zu beschäftigen, dar.

Ahnlich gravierende journalistische Verfehlungen im Bezug auf die internationale Berichterstattung zur Erdbeben-, Tsunami- und Reaktorkatastrophe in Japan wurden auf der „Journalist Wall of Shame“ zusammengetragen. Neben Erscheinungsdatum des in Frage kommenden Artikels wird in der Liste auch der Titel des jeweiligen Mediums, der Name des verantwortlichen Redakteurs sowie eine Härtefallwertung von 1 bis 10 aufgeführt. Eine Wertung von „1“ kennzeichnet einen faktisch nicht ganz sauber recherchierten Artikel. Artikel mit der Wertung „10“ zeichnen sich hingegen durch weitestgehend faktenbefreite, hysterische und mit rassistischen oder kulturellen Vorurteilen garnierte Panikmacherei aus. Die genauen Begründungen für die vergebenen Wertungen können auf der Wall of Shame direkt in der jeweiligen Zeile nachgelesen werden.

Neben zahlreichen Artikeln aus den britischen Ramschmedien (Telegraph, The Sun) ist auch die deutsche Presse, darunter insbesondere Presseerzeugnisse aus dem Hause Springer, recht zahlreich auf der Liste vertreten.

Folgende deutschsprachige, online abrufbare journalistische Erzeugnisse finden sich auf der Schundliste (chronologisch sortiert):

Ich vermute ja, dass die Bild-„Zeitung“ in der Schundliste nur deshalb ein einziges Mal auftaucht, weil man dort sonst gleich deren komplette Fukushima-Berichterstattung verlinken müsste. 

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